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Mittelstand unter Fremdbeobachtung

Politiker und Verfassungsschützer warnen vor Spionen, die dem deutschen Mittelstand das Know-how von den Festplatten stehlen. Doch die Betroffenen bleiben oft untätig.

Präzisieren Sie "paid hacking", schreibt Hacker FX auf die E-Mail-Anfrage eines Wissbegierigen. Der Begriff biete Spielraum für Interpretationen. Seinen realen Namen möchte der Insider FX nicht kundtun, aber unter seinem Pseudonym erklärt er: Es gebe einerseits die legale Variante, bei der Hacker gegen Bezahlung Sicherheitslöcher in Computernetzwerken aufspüren, um sie zu stopfen – und andererseits die illegale, bei der diese Löcher nicht geschlossen, sondern ausgenutzt werden.

Mit letzterer Variante schreckte unlängst das Berliner Bundesamt für Verfassungsschutz den deutschen Mittelstand. Immer häufiger stehlen von Geheimdiensten anderer Staaten angeheuerte Hacker und Spione das Know-how deutscher Unternehmen, so der Vizepräsident der Behörde, Hans Elmar Remberg, in einem Artikel der "Financial Times Deutschland". Auf Nachfrage rudert das Amt zwar ein Stück zurück: "Der derzeitige Hype ist etwas übertrieben", relativiert Jutta Habets, Pressesprecherin der Berliner Behörde. Doch die grundsätzliche Warnung bleibe bestehen.

Umfassende Fallzahlen zu solchen Vorfällen gibt es naturgemäß nicht, denn kaum ein Unternehmen meldet sie, und Details zu konkreten Fällen, auf die sich die Verfassungsschützer stützen, sollen nicht nach außen gelangen, um noch größeren Schaden zu vermeiden.

Produktpiraterie in neuer Dimension

Dass diese Fälle zunehmen und die Spione inzwischen auch Hightech-Methoden nutzen, bestätigt Hacker FX: "Es scheint im Bereich der Spionage durchaus einen vermehrten Einsatz zu geben. Das kann man an dem stark gestiegenen Interesse an neuen Angriffsmitteln ablesen." Exploits heißen diese Angriffsmittel, kleine Programme, die Schwachstellen in Computersystemen offen legen. Mit solchen Exploits hatten FX und seine Hackergruppe Phenoelit vor etwas mehr als einem Jahr für Furore gesorgt, als sie Sicherheitslücken in dem mobilen Allzweckkönner Blackberry aufspürten.

Die Lücken wurden von Phenoelit veröffentlicht, Hersteller Research in Motion besserte nach. Dieses "Aufklärungs-Hacking" betreibt FX in seiner Freizeit, tagsüber arbeitet er als Sicherheitsexperte in festem Job und nutzt auch hier legal die Mittel, die andere gegen Bezahlung zunehmend für Illegales verwenden. Die Preise sind laut FX gestiegen.

Die Warnung des Verfassungsschutzes in seiner Eigenschaft als Aufklärungs- und Abwehrorgan von fremden Machenschaften auf deutschem Boden verdeutlicht zusätzlich die Brisanz des Themas. Heimische Unternehmen, die Geschäfte weder mit China noch mit anderen Ländern machen, glauben sich vor den Ausschweifungen der Produktpiraterie sicher. Die Inlandsaufklärer indes beobachten das Treiben seit mehreren Jahren und warnten bereits mehrfach. Das Interview mit Vizepräsident Remberg markiert daher keine plötzliche Zeitenwende, es ist ein Warnschuss mit stärkerem Geschütz.

Auch in Nordrhein-Westfalen, als Exportland Nummer eins besonders im Visier, ist das Thema längst ganz oben angesiedelt. "Man muss sich im Klaren darüber sein, dass China und andere Länder seit Längerem über spezielle Kenntnisse auch im Bereich der Informationstechnologie verfügen und dieses Wissen auch einsetzen. Hier muss ein Umdenken einsetzen", fordert Dr. Ingo Wolf (FDP), Innenminister in NRW.

Die Folgen des IT-Diebstahls sind prekär, nicht nur für die Unternehmen selbst. Wie kaum ein anderes Land lebt das rohstoffarme Deutschland von seinen Ideen. Legt man allein die Zahl der Patente zugrunde, ist Deutschland in Europa führend, und der Abstand zu den USA und Japan schmilzt jährlich, stellte jüngste eine Studie der EU-Kommission fest. Damit das so bleibt, wollen Politiker das deutsche Know-how geschützt wissen, und das findet sich zuallererst im deutschen Mittelstand.

5 bis 15 Prozent des Wissens eines Unternehmens halten Fachleute für das Kern-Know-how, welches das Überleben einer Unternehmung ausmacht und deshalb unbedingt geschützt werden sollte. Dazu gehören nicht nur Blaupausen neuer Produkte, auch Produktionsdetails und selbst Vertriebsstrategien oder die Preispolitik wecken Begehrlichkeiten. Und "scheinbar unwichtige Branchen, die nicht bedroht sind, gibt es nicht", sagt Heike Vehling vom Verfassungsschutz NRW. Energie, Medizin, Metall, alles steht auf der Liste. Selbst die Körner im Brot eines deutschen Bäckers fanden chinesische Kopierer bereits nachahmenswert.

"Wirtschaftsspionage"

Wirtschaftsspionage: Schulter an Schulter mit den Schlapphüten

Vor allem Firmen, die Geschäftskontakte ins Ausland unterhalten oder anbahnen, sind oft gezwungen, mehr über sich und ihre Produkte preiszugeben, als sie möchten, wollen sie sich lukrative Geschäfte nicht entgehen lassen. Die Warnung der Verfassungsschützer richtet sich aber auch an solche Unternehmen, die ihre Produkte nicht ins Ausland exportieren, sondern lediglich Teile an andere deutsche Hersteller zuliefern.

In mehreren Bundesländern haben die Innenministerien mit Industrieverbänden und dem Verfassungsschutz Initiativen gestartet, die Unternehmen zum Thema Wirtschaftsspionage beraten. Dazu gehören persönliche Gespräche, Aufklärungsbroschüren und Seminarangebote.

Mit gesundem Sarkasmus betrachtet, lässt sich dem sogar etwas Positives abgewinnen, denn solange Länder wie China an deutschem Wissen Interesse zeigen, ist man vorne mit dabei. Nachdenklich aber stimmt Experten, wie fahrlässig dieser Vorsprung aus der Hand gegeben wird, denn in den seltensten Fällen sei das Kern-Know-how geschützt oder überhaupt als schützenswert identifiziert. "Bei vielen Geschäftsführern und Sicherheitsverantwortlichen des Mittelstandes herrscht eine bemerkenswerte Arglosigkeit", sagt der Berliner Rechtsanwalt Dr. York von Amsberg.

Er kennt beide Seiten. Als deutscher Repräsentant einer chinesischen Kanzlei ist er Spezialist für die Tücken, aber auch für die Möglichkeiten des chinesischen Rechts in Sachen Plagiate. Und als ehemaliger Leiter der Patent- und Rechtsabteilung eines Mittelständlers weiß er um die Defizite seiner Klientel, wenn es darum geht, wichtiges Wissen zu schützen. Wird das nicht getan, laufen Unternehmen in die Falle. An Plagiate – selbst vor der eigenen Firmentür – hat man sich gewöhnen müssen, aber immerhin lässt sich dagegen klagen, ist ein Produkt etwa durch ein Patent geschützt.

Wenn es allerdings Spionen im Auftrag fremder Staaten gelinge, geheimes – aber ungeschütztes – Wissen zu stehlen, käme der Versuch, juristisch dagegen anzugehen, einer Klage gegen die Stasi in der DDR gleich, verdeutlicht von Amsberg. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, einen Wissensdiebstahl überhaupt beweisen zu können. Das Einzige, was hier helfe: Aufklären und Vorbeugen.

Opportunitätsprinzip soll Vertrauen schaffen

2001 startete die Düsseldorfer Landesregierung gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern die Initiative "Sicherheitspartnerschaft NRW". Das Motto lautete "Im Schulterschluss von Privaten und Öffentlichen gegen Wirtschaftsspionage"; der Verfassungsschutz NRW war von Beginn an beteiligtt. Nach anfänglichem Unbehagen hätten sich Firmen an die vermeintlichen Schnüffler und deren Hilfsangebot gewöhnt, so Verfassungsschützerin Heike Vehling, und es kämen immer mehr Unternehmen hinzu.

Der Grund für das zunehmende Vertrauen liegt im sogenannten Opportunitätsprinzip. Im Gegensatz zu Staatsanwaltschaften müssen die Inlands-Schlapphüte nicht jedes Delikt auch in einem Strafverfahren verfolgen. Das soll Unternehmen den Schutz geben, den sie benötigen, denn sie stehen nicht im Mittelpunkt staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und setzen sich nicht der Gefahr aus, von ihrem Fall in der Zeitung zu lesen.

Bei der Industriespionage dagegen, der üblichen Feindaufklärung von Wettbewerbern untereinander und in größeren Unternehmen als Competitive Intelligence fester Bestandteil des Marktgerangels, sind die Staatsanwaltschaften zuständig. Die Verfassungsschützer kommen nur dann zum Zug, wenn hinter den Spionen fremde Mächte stehen, und in diesem Fall ist der offizielle Terminus Wirtschaftsspionage. Ob fremde Staaten die Fäden ziehen, ist nicht immer eindeutig auszumachen.

Wer sich vor High-Tech-Angriffen schützen will, sollte sich nicht auf vorhandenen Maßnahmen ausruhen, empfiehlt Experte FX. "Das bedeutet oft, Geld in ineffektive Systeme zu stecken, denn auch die vorhandenen Schutzmechanismen verursachen ja Kosten durch Updates, Wartung und Pflege. Eine regelmäßige Neubetrachtung der Effektivität ist die einzige Möglichkeit, das Kosten-Nutzen-Verhältnis auf einem sinnvollen Level zu halten."

Die Maßnahmen, das Kern-Know-how zu schützen, haben indes nicht immer mit teurer Technik oder Methoden zu tun, die nur Insider verstehen. "Wir machen die Typenbezeichnungen auf den Chips und anderen Bauteilen in unseren Geräten unkenntlich", erläutert Sebastian Wältring, Geschäftsführer des Dortmunder Unternehmens m-pulse.

Maschinen zur Magnetisierung stellen die Dortmunder her, individuell auf Kundenwunsch, und liefern sie unter anderem an Kunden in Asien. Das Unternehmen beseitigt nicht nur Typenbezeichnungen, sondern schützt sich zusätzlich dadurch, dass es keine Kopien von Konstruktionsplänen nach außen gibt. Aus diesem Grund hat m-pulse auch keine Patente angemeldet. "Die Patentunterlagen sind öffentlich zugänglich. Kopierte jemand die Geräte anhand der Unterlagen, würden wir davon wohl nichts erfahren", sagt Wältring.

Gegen Plagiate helfen Klagen

Größere Unternehmen haben es da leichter. Sie können es sich leisten, ausländische Märkte beobachten zu lassen, und sie stoßen dabei auf immer neue Tricks. So erfuhr jüngst Microsoft, dass Wochen vor der Veröffentlichung Kopien des neuen Betriebssystems Windows Vista auf chinesischen Märkten zu haben waren. Diese Erkenntnis an sich überraschte zwar nicht, doch stellten die Raubkopierer dazu Server bereit, die das nötige Freischalten der geknackten Versionen über das Internet übernahmen. Aus technischen Gründen sei das auf Dauer nicht von Erfolg gekrönt, kommentiert Thomas Baumgärtner, Pressesprecher von Microsoft Deutschland, aber "eine neue Qualität hat das schon".

Während Microsoft jede neue Software mit neuen Sicherungen ausrüstet, ist das bei Bussen komplizierter. Kurz vor dem Start der Fertigung durch einen chinesischen Lizenznehmer wurde die MAN-Bustochter Neoplan im vergangenen Jahr mit einer Kopie des neuesten Spitzenmodells konfrontiert. Die ist technisch minderwertig, im Design aber auffallend gleich schick und dabei um zwei Drittel günstiger.

Die Schnelligkeit, mit der chinesische Kopierer ans Werk gegangen waren, überraschte auch MAN, doch den Schneid lassen sich die Münchner nicht so schnell wegkopieren. Der Bus, seit 2005 auf dem deutschen Markt, ist in Teilen patentrechtlich geschützt, und diesen Schutz klagt die Pekinger MAN-Dependance nun ein. Damit ist MAN eines der wenigen Unternehmen, die sich zu diesem Schritt überhaupt durchringen. Dabei hätten auch andere durchaus eine Chance.

"Es gibt in China seit den achtziger Jahren Gesetze, die geistiges Eigentum unter Schutz stellen", sagt Rechtsanwalt York von Amsberg. Ironischerweise habe sich das Land der Mitte auch bei den Plagiatsgesetzen den Westen zum Vorbild genommen. In Deutschland kommt anderes an, doch von Amsberg versichert: "Es wird zunehmend dafür gesorgt, dass diese Gesetze auch eingehalten werden."

In über 50 Städten hat die chinesische Regierung spezielle Justizbehörden eingerichtet, die sich mit Plagiaten befassen, und inzwischen werden jährlich mehr als 100.000 Fälle verfolgt und hunderte Fabriken im Land geschlossen, die in Massen Markenwaren ausländischer Hersteller kopieren. Gerade mittelständische Unternehmen trauten dem aber nicht, so von Amsberg, und dafür hat er eine Erklärung: "Stellen Sie sich vor, Ihnen wird die Brieftasche gestohlen. In Deutschland gehen Sie zur Polizei, aber in einem fremden Land wie China überlegen Sie sich, ob die Aussichten auf ein Wiedersehen mit ihrer Brieftasche so groß sind, dass sich der Aufwand lohnt."

Viele dieser schnellen Kosten-Nutzen-Vorstellungen seien jedoch falsch, stellt von Amsberg klar. Aus Unwissenheit gingen die Geschädigten auch dann nicht gegen Plagiate vor, wenn sie es mit guten Erfolgsaussichten könnten. Am Ende des Rechtswegs stünde nicht immer das Optimum, räumt der Jurist ein, aber "jede Klage und jede Razzia verunsichert die Kopierer" und trage zur Besserung bei.

Tatsächlich gewinnt man von außen eher den Eindruck, dass der Westen und auch die chinesische Führung mit Hinweisen, geistiges Eigentumzu achten, bei vielen Chinesen auf taube Ohren stoßen. Im knallharten, globalisierten Wettbewerb ist chinesischen Geschäftsleuten offenkundig nur schwer zu vermitteln, dass sie wegen westlich geprägter ethischer Vorbehalte vom Geld verdienen ausgeschlossen und bestraft werden sollen, zumal der Westen sich im Hintergrund ähnlicher Mittel bedient.

Offenbar haben chinesische Geschäftsleute aber auch erkannt, dass Schutzgesetze für sie selbst von Vorteil sein können. Die epidemische Kopiermanie hat dazu geführt, dass Chinesen gegenseitig ihre Produkte abkupfern, und in der Folge verklagen sie sich gegenseitig auf Basis der eigenen Plagiatsgesetze. "Nur in zehn Prozent der Fälle, in denen es in China um die Verletzung von Schutzrechten geht, stehen sich Ausländer und Chinesen gegenüber", so Rechtsanwalt von Amsberg. "90 Prozent der Prozesse führen Chinesen untereinander." Auch auf diesem Feld ist China eindeutig führend.

"Link-Service"

Mehr Informationen zum Thema Wirtschaftsspionage und wie Unternehmen sich schützen können, erhalten Sie mit unserer Linkliste. Einfach eine E-Mail mit dem Betreff "Spione" an creditreform-service@vhb.de senden.

aus "Creditreform – das Unternehmermagazin aus der Verlagsgruppe Handelsblatt", Autor: Dirk Schäfer



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