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"Faire zweite Chance"


Neuss, 06.07.2010

Hans-Joachim Metternich, seit rund 100 Tagen Kreditmediator der Bundesregierung, über verkannte Fördermöglichkeiten, Finanzierungsstrategien im Aufschwung und den genauen Ablauf seines Vermittlungsverfahrens.   

Herr Metternich, seit April geben Sie klammen Unternehmen Schützenhilfe bei abgelehnten Kreditanträgen. Ihr Fazit nach den ersten 100 Tagen?
Ich kann auf erfolgreiche drei Monate zurückblicken: Durch das vorbildliche Zusammenspiel von Verbänden, Kreditwirtschaft und IHKs ließ sich das Kreditmediationsverfahren innerhalb kürzester Zeit planen, abstimmen und umsetzen. Und es zeigt Wirkung: Seit Ende März können sich KMU vertrauensvoll an uns wenden. Dieses kostenlose Angebot eines neutralen Vermittlers, der für eine faire zweite Chance bei der Kreditvergabe eintritt, hat bereits dazu geführt, dass vielerorts eine Sensibilisierung bei den Kreditverhandlungen seitens der  Kreditinstitute eingetreten ist. Die Kreditanliegen der mittelständischen Unternehmer sind generell  stärker in den Mittelpunkt gerückt …

Wie vielen Unternehmen konnten Sie bislang denn helfen – und wie viele Anträge bearbeiten Sie aktuell?
Insgesamt sind wir bisher bei über 120 Unternehmen konkret tätig geworden. Hiervon konnten wir über 50 Unternehmen weiterhelfen, ohne in das breit angelegte Mediationsverfahren einsteigen zu müssen. Beispielsweise wurde der Kontakt zur Kammer bei Sanierungs- und Restrukturierungsfragen vermittelt, das Angebot an Finanzierungshilfen des örtlichen Förderinstitutes dargestellt oder auf bestehende Beratungsangebote für Existenzgründer hingewiesen. Von den derzeit vorliegenden 46 Anträgen auf Kreditmediation mit einem Volumen von 56 Millionen Euro konnte einer nach unserem Kontakt zur Hausbank frühzeitig positiv beenden werden. In zwei weiteren stehen wir ebenfalls kurz davor. Unsere bisherige Erfahrung zeigt: Durch unser Verfahren sind die Banken bereit, abgelehnte Anträge einer zweiten Prüfung zu unterziehen und intensiv nach Lösungen zu suchen.

Falls es Fälle gibt, die Ihnen aussichtslos erscheinen – lässt sich verallgemeinern, woran das liegt?
Ein Hauptgrund für die Ablehnung sind fehlende Sicherheiten seitens der Unternehmen, denn das Risikobewusstsein der Banken ist in der Krise deutlich gestiegen. Allerdings rate ich jedem Unternehmer, sich davon nicht einschüchtern zu lassen! Gerade öffentliche Finanzierungshilfen bieten zahlreiche Möglichkeiten, das Eigenkapital zu stärken, Kreditrisiken zu minimieren oder auf viele Schultern zu verteilen.

Auch einige Bundesländer haben inzwischen Kreditmediatoren ernannt, ebenso die Bankwirtschaft. Wie wird auf diesen unterschiedlichen Ebenen kooperiert?
Ich begrüße das Angebot der regionalen Kreditmediatoren auf Ebene der Bundesländer sowie bei den Banken ausdrücklich. Sie erweitern das Angebot an Unterstützung für den Mittelstand. Wir setzen bei unserem stringenten Verfahren auf die Förderbanken sowie die Kammern, die in den Regionen für die Unternehmen tätig sind. Das entwickelte Kreditmediationsverfahren baut also auf den vorhandenen Strukturen auf. So werden Doppelungen vermieden und das Verfahren schlank gehalten. Außerdem ermöglichen direkte Ansprechpartner auf Bankenseite eine schnelle Kommunikation und beschleunigen so die Abwicklung der Anträge. Die Kreditmediatoren auf Länderseite haben die entsprechende regionale Expertise und lokalen Kontakte, um Unternehmen vor Ort bei Kreditschwierigkeiten zu unterstützen.

Apropos Kreditschwierigkeiten: Sehen Sie denn eine Kreditklemme in Deutschland? Einerseits klagen viele unsere Leser über die Zurückhaltung der Banken, andererseits sinkt etwa die vom ifo-Institut errechnete Kredithürde beständig …
Von einer flächendeckenden Kreditklemme ist hierzulande derzeit nicht auszugehen. Allerdings haben wir den Aufschwung noch nicht finanziert! Ich bin gespannt, wie die Banken die dann ansteigende Nachfrage bewältigen können. Denn: Unternehmen müssen im Aufschwung ihre Produktion erhöhen und benötigen für diese Investitionen Kredite. Doch die Bilanzen der Unternehmen für das Krisenjahr 2009 sehen häufig nicht rosig aus. Damit stecken die Banken und Sparkassen in dem Dilemma, höhere Risiken zu akzeptieren oder den Kredit nicht zu bewilligen. Wir wollen mithelfen, diese Engpässe in der mittelständischen Unternehmensfinanzierung zu vermeiden.

Mit Blick auf solche Engpässe riefen Deutschlands Großbanken während der Finanzkrise die Renaissance des Hausbankprinzips aus, die Zeiten des Preis-Hoppings seien vorüber. Nun aber sprechen erste Banken schon wieder von Margendruck. Wie passt das zusammen?
Ich denke, die Erfahrung mit der Liquiditätskrise hat viele klein- und mittelständische Unternehmen nachträglich geprägt: Das Kreditangebot ist aufgrund der Zusammenschlüsse von Sparkassen und Großbanken, dem Wegfall einiger Landesbanken sowie dem Rückzug vieler ausländischer Kreditinstitute nach wie vor erheblich geringer als noch vor wenigen Jahren. Ein Hausbankwechsel ist für viele mittelständische Unternehmen auch nicht von jetzt auf gleich realisierbar. Untersuchungen der KfW haben im letzten Jahr von einer sehr großen Hausbanktreue des Mittelstandes gesprochen, die sich auch heute noch bemerkbar macht.

Erwarten Sie mittelfristig eine Verschiebung weg vom klassischen Kredit hin zu alternativen Finanzierungsinstrumenten, etwa Private Equity?
Gerade bei kleinen- und mittelständischen Unternehmen gehe ich davon aus, dass die Hausbank nach wie vor erster Ansprechpartner bei Finanzierungsfragen bleibt. Die administrativen und organisatorischen Voraussetzungen, um alternative Finanzierungslösungen zu erschließen, sind vielen nicht bekannt. Gleichwohl gibt es interessante Angebote der Förderbanken, wenn es um die Verbesserung der Eigenkapitalausstattung geht.

Kritiker bemängeln, in Frankreich könne der Kreditmediator mehr Macht auf die dortigen Banken mehr Druck ausüben als Sie, was enttäuschte Bankkunden hierzulande nicht gerne hören dürften …
Wir setzen auf ein anderes Verfahren als mein französischer Kollege Gérard Rameix. Für uns ist das Schlüsselwort der Konsens, den alle Beteiligten auch aus eigenem Interesse erreichen wollen. Dazu haben wir bereits im Vorfeld die Voraussetzungen geschaffen, bei denen die regionalen Strukturen (IHK, HWK, Förder- und Bürgschaftsbank und Kfw) gut zusammenarbeiten und erfolgreiche Lösungen für die Betriebe erreichen. In Frankreich gibt es solche Strukturen nicht, es muss daher mehr zentral aus Paris gelenkt werden

Stichwort Griechenland-Krise: ifo-Chef Sinn erwartet, dass die Banken die Ersparnisse der Deutschen in Zukunft nicht mehr überwiegend ins Ausland tragen, sondern wieder verstärkt der deutschen Industrie als Kredit zur Verfügung stellen. Hätte die Verschuldungskrise damit indirekt auch ihr Gutes, zumindest für deutsche Kreditkunden?
Die Eigenkapitalversorgung vieler Banken ist nach wie vor recht limitiert, und neue regulatorische Vorgaben könnten die Kreditvergabe zudem weiter erschweren. Hinzu kommen mögliche Abschreibungen bei den Banken aufgrund der gegenwärtigen Währungsturbulenzen. Andererseits sehe ich es positiv, dass durch die Schwäche des Euro die Exportchancen der Unternehmen steigen, in dem zusätzliche Aufträge aus dem Ausland erteilt werden. Die Auswirkungen der Verschuldungskrise lösen meines Erachtens jedoch nicht die Probleme der kreditsuchenden deutschen Unternehmen, denen ich ans Herz legen möchte, sich bei Ablehnung ihres Antrags an uns zu wenden, um so eine faire zweite Chance zu erhalten.

Wie helfen Sie denn konkret?
Unter www.kreditmediator-deutschland.de oder der Hotline 069 244346888 können sich Unternehmen bei Fragen zur Kreditvergabe an uns wenden. Nach Eingang der Anfrage setzen wir uns mit dem Unternehmen in Verbindung, erörtern das Anliegen und geben konkrete Ratschläge. Ferner können Interessenten auf der Homepage auch unmittelbar den Antrag auf Kreditmediation ausfüllen. Sobald der Antrag vorliegt, werden Mediationswürdigkeit und Mediationsfähigkeit des Unternehmers geprüft. Im ersten Kontakt mit der Hausbank lassen wir uns die Gründe der Ablehnung schildern und fragen nach, ob öffentliche Förderprogramme im Finanzierungsplan berücksichtigt wurden. Sofern eine Fortführung des Verfahrens sinnvoll erscheint, wird der Antrag mit einer kurzen Einschätzung an die zuständige Kammer weitergeleitet. 14 Tage nach ihrer Einbeziehung können die regionalen Kammern unter Einbindung aller Beteiligten und in eigener Verantwortung einen Mediationstisch organisieren, sofern nicht bereits im Vorfeld eine Lösung nach Abstimmung zwischen den Beteiligten und der Hausbank gefunden wurde.

Das Interview führte Ingo Schenk.

aus "Creditreform – das Unternehmermagazin aus der Verlagsgruppe Handelsblatt"



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