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Internationale Überschuldung

Rund 35 Millionen Amerikaner können als überschuldet eingestuft werden. Und diese Zahl wird sich in den nächsten Monaten nochmals drastisch erhöhen. In Großbritannien ähnelt die Situation der in Deutschland. Aber auch hier lautet die Tendenz "stark steigend".

Ein direkter Vergleich der Überschuldungsdaten Deutschlands, Großbritanniens und der USA zeigt, dass Überschuldung in den USA fast erwartungsgemäß am stärksten verbreitet ist. Nach überschlägigen Berechnungen können rund 35 Millionen Amerikaner als überschuldet eingestuft werden (Schuldnerquote: 14,7 Prozent). Für die nächsten Monate ist allerdings davon auszugehen, dass sich ihre Zahl nochmals drastisch erhöhen wird. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass alleine 2008 deutlich über drei Millionen Zwangsversteigerungen zu erwarten sind.

Überschuldung in Deutschland, Großbritannien und in den USA 2004 bis 2008 *)

Schuldner-
quoten

Deutschland

Großbritannien

USA

Quote

Personen

Quote

Personen

Quote

Personen

2004

9,74%

6,5 Mio.

7,6%

3,6 Mio.

12,7%

27,7 Mio.

2005

10,43%

7,0 Mio.

8,1%

3,9 Mio.

13,6%

30,0 Mio.

2006

10,68%

7,2 Mio.

8,3%

4,0 Mio.

13,9%

31,1 Mio.

2007

10,85%

7,3 Mio.

10,0%

4,7 Mio.

14,1%

33,1 Mio.

2008

10,11%

6,9 Mio.

10,4%

5,1 Mio.

14,7%

34,7 Mio.

*) Quellen: Deutschland: Creditreform 2004 bis 2008. GB: Schuldenreport 2006 / Experian 2007, Hochrechnungen / Schätzungen (Bezug: Personen mit hohem bis sehr hohem finanziellen Stress). USA: Schuldenreport 2006 / U.S. Census Bureau, Hochrechnungen / Schätzungen.

Großbritannien: Rund fünf Millionen sind überschuldet

Die Situation in Großbritannien ähnelt der Überschuldungssituation in Deutschland. Demnach haben 2008 rund 5,1 Millionen Briten (10,4 Prozent der Personen über 18 Jahre) große oder sehr große finanzielle Schwierigkeiten und können in Analogie zu den deutschen Daten als überschuldet gelten. 2007 beantragten mindestens 125.000 Briten das Verbraucherinsolvenzverfahren (Deutschland: 105.3000) – Tendenz: stark steigend. Generell kann für Großbritannien davon ausgegangen werden, dass die Überschuldung im Gegensatz zur deutschen Situation 2008 nicht zurückgegangen ist und auch 2009 weiter und stärker steigen wird als in Deutschland. Dies nicht zuletzt, da die britische Wirtschaft ebenfalls von einer Immobilienkrise heimgesucht wird, zudem stärker als die deutsche in die globale Finanzkrise verstrickt ist und daher auch stärker unter den Folgewirkungen leiden wird.

Überschuldung und "finanzieller Stress" in Großbritannien 2007*)

Einwohner und Personen über 18 Jahre

Anzahl

Anteil

Einwohner

61,2 Mio.

100%

Personen über 18 Jahre

46,7 Mio.

76,3%

Personen mit …

 

 

sehr geringem und geringem finanziellen Stress

39,0 Mio.

83,6%

mit mittlerem finanziellen Stress

3,0 Mio.

6,4%

hohem bis sehr hohem finanziellen Stress

4,7 Mio.

10,0%

*) Quelle : Experian 2007 / Eigene Berechnungen.

Bei einer Detaildarstellung nach Einzelkommunen beziehungsweise Städten zeigen sich für das Jahr 2007 Schuldnerquoten, die vergleichbar mit deutschen Schuldner-"Hotspots" (zum Beispiel Offenbach am Main, Duisburg) sind, aber tendenziell deutlich höher liegen. Das Negativ-Ranking führt die alte Industriemetropole Manchester mit einer Schuldnerquote von rund 29 Prozent an (rund 97.500 Schuldner), gefolgt vom schottischen Glasgow (28,5 Prozent; 130.000 Schuldner).

Weiterhin Anstieg der Überschuldung in allen drei Ländern

Für die nähere Zukunft ist in allen drei Ländern von einer weiteren Erhöhung (USA, GB) respektive einem Wiederanstieg (Deutschland) der Überschuldung auszugehen, nicht zuletzt wegen der noch unkalkulierbaren Folgewirkungen der Finanzkrise auf die globale und die nationalen Wirtschaften.

Generell ist nochmals auf die Unterschiedlichkeit der Konsum- und Finanzkultur hinzuweisen, die alleine schon am Anteil der Konsumausgaben am Bruttoinlandsprodukt erkennbar ist. Dieser liegt nach Angaben von EUROSTAT in den USA (2008: 71,0 Prozent) deutlich über den Vergleichwerten in Großbritannien (63,9 Prozent) und der Bundesrepublik (56,1 Prozent).

Die interkulturelle Unterschiedlichkeit zeigt sich aber auch in der Nutzung und Bedeutung von Konsumentenkrediten und Kreditkarten. Auffällig erscheinen hierbei die unterschiedlichen Motive bei der Aufnahme von Konsumentenkrediten, die (in Deutschland) meist dem Erwerb langlebiger Konsumgüter (unter anderem PKW, Wohnungseinrichtungen) dienen. Eine Ausnahme bilden hier die US-Bürger, die schon fast traditionell durch Konsumentenkredite Zugang zum Gesundheitswesen erhielten und erhalten. Deutsche Verbraucher finanzieren zu Konsumzwecken Beträge im Wert insgesamt von 15 Prozent ihres verfügbaren Einkommens per Kredit und damit deutlich weniger als beispielsweise die Verbraucher in den USA (24 Prozent) und Großbritannien (26 Prozent).

Konsumkredite im Verhältnis zum verfügbaren Haushaltseinkommen 2006

 

Anteile*)

Großbritannien

26 %

USA

24 %

Deutschland (2008)

15 %

Frankreich

12 %

*) Quelle: Bankenfachverband e.V. Berlin, 04/2008

Kreditausfallquoten liegen zwischen drei und sechs Prozent

Generell ist festzuhalten, dass die meisten Länder im Rahmen der sich vollziehenden Globalisierungs- und der damit verbundenen Harmonisierungstendenzen der letzten 15 Jahre eine deutliche Zunahme des privaten Kreditmarktes (Kreditzugangsmöglichkeiten, Anzahl von Kreditkarten, Kundenkarten mit Kreditfunktion, eingeräumte Überziehungskredite) zu verzeichnen haben. Die Kreditausfallquoten bei Konsumentenkrediten liegen nach Angaben nationaler Bankinstitute zwischen zwei und drei Prozent (Deutschland) und bis zu sechs Prozent (USA, GB).

Überträgt man diese Ausfallquoten auf das Gesamtvolumen für Kredite an Privatpersonen (einschließlich Wohnungsbaukrediten), liegt die Schadenssumme in Deutschland auch 2008 zwischen 25 und 30 Milliarden Euro, die durch die Zahlungsunfähigkeit der Kreditnehmer entstehen werden. Alleine bei den Konsumentenkrediten kann in diesem Jahr wieder von einem Schaden von rund sieben Milliarden Euro ausgegangen werden. In Großbritannien liegt das Schadenspotenzial bei rund 17 Milliarden Euro und in den USA bei rund 200 Milliarden Euro.

Ausfallquoten und -volumina von Konsumkrediten 2008 *)

Konsumkreditvolumen
in Euro

Ausfallquote

Ausfallvolumen in Euro

Deutschland

223 Mrd.

2 bis 3%

7 Mrd.

Großbritannien

298 Mrd.

5 bis 6%

17 Mrd.

USA

3.300 Mrd.

mehr als 6%

> 198 Mrd.

*) Quellen Deutschland: Bankenfachverband e.V. Berlin, 04/2008 / Deutsche Bundesbank – Eurosystem, Statistiken über den Zahlungsverkehr in Deutschland 2002 – 2006, Januar 2008; Eigene Recherchen (Wert für 2008: Quartalswert Juni 2008; Eigene Hochrechnung). GB / USA: Bank of England, Federal Reserve (Wert für 2008: August 2008); Hochrechnungen; Währungen umgerechnet.

Generell kann für den deutschen Markt festgehalten werden, dass etwa seit 2001 eine Umstrukturierung des Konsumentenkreditwesens stattfindet. Die Bedeutung des Ratenkredits steigt kontinuierlich und beträgt 2008 rund 60 Prozent (2001: 50 Prozent) am Volumen der Konsumentenkredite. Umgekehrt sinkt die Bedeutung von Nichtratenkrediten, also von Dispositionskrediten sowie Salden auf Kreditkartenkonten, aber auch Abruf- oder Rahmenkrediten, kontinuierlich (2008: 41 Prozent / 2001: 50 Prozent).

Die Kreditkarte gewinnt dabei auch im europäischen Raum immer mehr an Bedeutung, auch wenn diese eine andere Funktion und Bedeutung einnimmt als in den USA und Großbritannien. Hier stellt die Kreditkarte ein eigenständiges Zahlungsmittel dar, das nicht wie in Zentraleuropa an ein Girokonto gekoppelt ist und höchstens einen Überziehungskredit (Dispositionskredit) zulässt. US-Amerikaner und Engländer nutzen Kreditkarten zum Teil in Notsituationen (z.B. bei Arbeitslosigkeit oder Krankheit) oder für existenzsichernde Ausgaben wie Lebensmittelkosten oder für Arztrechnungen.

Hierdurch erfüllt die Kreditkarte in den USA und Großbritannien vorübergehend Funktionen des schwach ausgeprägten Gesundheits- und Sozialwesens, verschiebt somit die Offenlegung des tatsächlichen Überschuldungszeitpunktes und verschlimmert damit die Schwere des Überschuldungsfalles. Diese Dimension ist auf deutsche Verhältnisse nicht übertragbar, da Kreditkarten hierzulande auch aufgrund der Dominanz der EC-Karte (ohne Kreditfunktion) nur vergleichsweise geringe Nutzungsquoten aufweisen (2002: 5 Prozent bei Zahlungen im Einzelhandel).

Kreditkarte: Zahlungsmittel und Kreditinstrument

Nach Angaben des Fed (Federal Reserve System; Stand: April 2008) besitzen rund 75 Prozent aller amerikanischen Haushalte mindestens eine Kreditkarte. Anfang der achtziger Jahre waren es noch weniger als die Hälfte (43 Prozent). Vor allem unter ärmeren Familien sind Kreditkarten nun viel weiter verbreitet als vor einem Vierteljahrhundert. Der Anteil von Familien mit mindestens einer Kreditkarte im unteren Fünftel der Einkommensverteilung stieg während dieser Zeit von 11 auf 37 Prozent.

Der durchschnittliche Darlehensbetrag amerikanischer Kreditkarten-Nutzer liegt zurzeit bei rund 1.700 Dollar – das Gesamtvolumen aller Kreditkartenschulden in den USA beträgt zurzeit rund 950 Milliarden Dollar. Von dieser Summe wurden im August 2008 von den Banken rund sieben Prozent als "uneinbringlich" abgeschrieben, was einem Wert von rund 65 Milliarden Dollar entspricht (Ausfallquote August 2007: 4,6 Prozent; 44 Milliarden Dollar) – Tendenz weiterhin deutlich steigend. Für Mitte 2008 soll das Ausfallvolumen angesichts steigender Arbeitslosigkeit auf rund 81 Milliarden Dollar steigen (8,5 Prozent) – angesichts der derzeitigen Krisendynamik eine eher optimistische Schätzung.

aus "Creditreform – das Unternehmermagazin aus der Verlagsgruppe Handelsblatt"



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